Jahresbericht für das Jahr 1947

Werte Genossen !

Schon sind wir uns ganz gut gewohnt , das Jahr 1948 zu schreiben und nur ganz selten rutscht eine Sieben aus der Feder statt eine Acht. Wir sind also schon ein schönes Stück auf dieser Landstrasse marschiert. Bevor wir aber den Weg fortsetzen wollen wir uns umdrehen und beim Meilenstein 1947 einwenig zurückblicken. Dabei woll en wir aber nicht zu lange stehen bleiben und etwa noch ausruhen. Nein, wir wollen bloss über unseren zurückgelegten Weg Rechenschaft ablegen und sehen was wir recht und was wir schlecht gemacht haben.

In einigen wenigen Monaten wind es drei Jahre, dass der furchtbarste Krieg aller Kriege beendet werden konnte. Der Friede aber ist in dieser Zeit nicht allen Völkern zuteil geworden. Die für den Frieden eingesetzten Institutionen waren der unüberbrückbaren Gegensätze wegen nicht imstande den Weltfrieden herzustellen. Das Chaos ist gross, denn die ganze Welt wurde – wie man sagt – aus den Angeln gehoben. Und da ist es schwer wieder Ordnung unter die Völker zu bringen, besonders dann, wenn auch nach einem so schrecklichen Krieg wieder weiter gerüstet wird.

Für uns Schweizer heisst es die Augen offen behalten und den Kopf nicht in den Sand zu stecken.

Die Versorgungslage in Nahrungsmitteln und Rohstoffen hat sich im Jahre 1947 wesentlich verbessert. Einen grossen Teil rationierter Lebensmittel konnten im Verlaufe des Jahres 1947 von der Rationierung ausgenommen werden. Heute ist es nun so, dass die Läden wieder mit genügend Waren versehen sind. Doch das Volk besitzt nicht die Kaufkraft die es haben sollte. Vielerorts in den Familien herrscht grosse Not , denn sie sind nicht in der Lage mit ihrem Einkommen durchzukommen. Auch wenn es heisst, dass der Lohn bei vollemTeuerungsausgleich ausgerichtet werde. Viele Frauen sind gewwungen in das Erwerbsleben einzutreten und dem Manne helfen verdienen, damit sie ihre Familien erhalten können.

Auf der anderen Seite aber ist es so, dass die Unternehmer teilweise ganz unverantwortliche Gewinne erziehlen. Diese nutzen die Hochkonjunktur aus und legen Reserven an. Das arbeitende Volk aber, muss von der Hand in den Mund leben, und zuschauen. Dieser Zustand ist nicht etwa dem Unternehmertum zu verdanken, sondern da ist die Arbeiterschaft zum grössten Teil selbst schuld. Sie hätte es in der Hand die Zügel der Wirtschaft in die Hände zu nehmen, wenn sie nicht in alle Richtungen zersplittert wäre und bei den Wahlen in ihrem eigenen Interesse und für ihren Aufstieg stimmen würde. Da fehlt es halt noch gewaltig. Aufklärung und Schulung der Arbeitermassen tut not. Das Jahr 1947 hat denn auch einige Abstimmungen auf eidgenössischem und kantonalem Boden gebracht.

So kam am 16. März auf kantonalem Boden das Säugligsfürsorgegesetz und das Gesetz über die Arbeitsvermittlung zur Abstimmung. Das erstere wurde mit 35'976 Ja und 24'092 Nein angenommen. Dagegen wurde das Gesetz über die Arbeitsvermittlung mit 29'587 Nein und 28'409 Ja verworfen. Die Stimmberechtigten der Stadt Zofingen stimmten für das Säuglingsgesetz mit 1122 Ja und 262 Nein, und das Gesetz betr. Arbeitsvermittlung 884 Ja und 398 Nein. Auf dieses Resultat dürfen wir stolz sein.

Am18. Mai stimmten wir über die sozialistische Initiative "Wirtschaftsreform und Rechte der Arbeit" ab. Diese wurde vom Schweizer Volk mit 533 '306 Nein gegen 243 '508 Ja verworfen. In Zofingen wurden 1052 gegen und 522 für die Initiative abgegeben. Hier ist zu sagen, dass auch in Zofingen der Boden nicht geebnet ist für die Verwirklichung der "Neuen Schweiz".

Am 6. Juli hatt e das Schweizer Volk über zwei entscheidende Gesetzesvorlagen abzustimmen. Einmal über die seit Jahrzehnten geforderte Alters- und Hinterbliebeneversicherung. Mit aller Energie setzte sich die gesamte schweizerische Arbeiterschaft für dieses grosse Sozialwerk ein, so auch wir in Zofingen. Es ging gegen die reaktionären Dunkelmänner, die mit allen Mitteln die Verwirklichung dieses grossen Sozialwerkes verhindern wollten. Das Schweizer Volk gab ihnen die einzig richtige Antwort indem es die Alterversicherung mit 864'189 Ja und 216'079 Nein angenommen hat. In Zofingen legten 1626 für und 202 gegen die Altersversicherung ein.

Zu gleicher Zeit musste über die Wirtschaftsartikel abgestimmt werden Auch diese wurden vom Schweizer Volk angenommen und zwar mit 558'003 Ja gegen 495'686 Nein. In der Stadt Zofingen wurde diese Vorlage verworfen und zwar 1010 Nein gegen 750 Ja.

Am 25. und 26. Oktober hatte das Schweizer Volk den Nationalrat neu zu bestellen und wir im Aagau zugleich auch unsere beiden Ständeräte.

Die Ständeratswahlen fielen im Aargau im Sinne der Bestätigung der bisherigen Standesvertreter aus. Unser Genosse Karl Killer erhielt total 28 '969 Stimmen, Herr Fricker 32'866 Stimmen. In Zofingen erhielten Genosse Karl Killer 878 und Fricker kk. 777 Stimmen. Ueber dieses Resultat können wir zufrieden sein. Bei den Nationalratswahlen büsste unsere Partei das fünfte bisher innegehabte Mandat ein. Genosse Walter Kohler in Rothrist ist nicht mehr gewählt worden. Es fehlten ihm nur 7 Stimmen. So hat der ganze Bezirk Zofingen der von allen Bezirken für unsere Partei am besten gestimmt hat keinen Nationalrat mehr. Wenn wir nur einwenig aktiver gewesen wären, hätten wir vielleicht dies verhüten können. In Zofingen wurden folgende Kandidatenstimmen abgegeben: Liste 1: Sozialdemokraten 7459 = 621 Wähler . Liste 2: Freisinnig­demokratische Partei 7423 = 618 Wähler. Liste 3: Partei der Arbeit 396 = 33 Wähler . Liste 4: Bauern-Gewerbe und Bürgerpartei 2060 = 171 Wähler. Liste 5: Katholisch-konservative Volkspartei 1205 = 100 Wähler. Liste 6: Evangelische Volkspartei 2492 =207 Wähler. Aus dieser Aufstellung ersehen wir, dass wir in Zofingen die stärkste Partei sind, allerdings haben wir nur 3 Wähler mehr als die Freisinnigen.  Diese haben ihren Abstand aufgeholt. Es wird an uns liegen zu verhüten, dass sie uns einholen. 

Durch den Rücktritt von Herrn Stadtammann Hans Bertschi, der aus Gesundheitsrücksichten erfolgte, hatten die Stimmberechtigten am 8. und 9. November die Ergänzung in den Stadtrat vorzunehmen. Nachdem sich keiner der Bisherigen entschliessen konnte das Stadtammannamt zu übernehmen, musste der neu in den Stadtrat zu wählende Gemeinderat alle Fähigkeiten mitbringen um das Stadtammannamt später übernehmen zu können. Aus diesen Erwägungen heraus hat die SP Zofingen beschlossen keinen eigenen Kandidaten aufzustellen, da es uns unmöglich schien unseren berechtigten Anspruch auf eine stärkere Vertretung in diesem Falle verwirklichen zu können. Wir legten vielmehr Wert darauf, dass wir einem bürgerlichen Kandidaten die Stimmen geben, der uns Gewähr bieten wierde, das wir auch bei ihm Gehör finden. In einem überaus heftigem Wahlkampf zwischen Herrn Dr. Karl Hauri, Gerichtspräsident, als offizieller Kandidat der Freisinnigen, und Herrn Adolf Lerch, Direkt wurde Herr Lerch Adolf als Stadtrat gewählt. Wir gewährten ihm unsere tatkräftige Unterstützung, ohne diese er nicht gewählt worden wäre.

Um diese Wahl zum glücklichen Ende führen zu können benötigte es nicht weniger als ca ein halbes Dutzend interparteiliche Konferenzen, die von unseren Genossen W. Horisberger, Präsident undRudolf Hunziker, II. Kassier, besucht wurden. Die Verhandlungen verliefen oft hartnäckig und wir mussten uns immer bewusst sein, dass es nicht um einen unserer Kandidaten ging, wobei wir ein eminentes Interesse hatten , wer nun der kommende Stadtvater werden soll.

Es wurden folgende Stimmen abgegeben, Für Herrn Rudolf Lerch 1162 und für Herrn Dr. Hauri 546 als Stadtrat, und bei der Wahl als Stadtammann erhielt Herr Adolf Lerch 1314 Stimmenl bei einem absolut en Mehr von 705. Die Freisinnigen haben die Parole der Stimmfreigabe ausgegeben. Herr Lerch ist nach wie vor in der Freisinnig-demokratisch Partei.

Am gleichen Wahlgang wo der Stadtammann zu bestimmen war hatten die Stimmberechtigten den Betreibungsbeamten und dessen Stellvertreter wieder zu wählen. Es wurden am 22. und 23. November die Herren Werner Bachmann mit 1268 als Betreibungsbeamter und Herr Zimmerli Frit z, mit 1090 Stimmen als dessen Stellvertreter gewählt. Die Sozialdemokratische Partei hat diesen beiden die Unterstützung gewährt.

Parteitage
Diese wurden jeweils von unserer Parteisektion mit zwei Delegierten besucht. Zum ordentlichen Parteitag vom Januar in Menziken hat unsere Partei einen Antrag eingereicht zur Revision des neuen aargauischen Steuergestzes. In der Folge wurde ein ausserordentlicher Parteitag anfangs März nach Laufenburg eingerufen, wo diese Frage besprochen wurde. Ein weiterer ausserordentlicher Parteitag fand am 24. August statt, der die Kandidatenliste für die Nationalratswahlen bereinigte. Nachmittags nahmen unsere Delegierten an der grossen Arbeitertagung in Vindonissa teil.

Der ordentliche Parteitag wurde auf den 23. Dezember einberufen, den wir ebenfalls beschickten. Der Schweizerische Parteitag wurde vom Präsidenten W. Horisberger besucht.

Im Jahre 1947 wurden im ganzen 12 Versammlungen abgehalten. Der Besuch der Genossen dürfte etwas besser werden. Durchschnittlich waren 20-25 Genossen anwesend von einem Bestand von ca. 50 Mitgliedern.

Der Vorstand hielt 5 Vorstandsitzung ab.

An der letzten Generalversammlung ermunterte der Vorsitzende die Genossen, sie möchten in der Werbung von Parteimitgliedern besonders aktiv sein, denn unser Ziel solle sein: 80 Mitglieder bis zur nächsten Generalversammlung. Wir sind aber nicht einmal auf 60 gekommen. Dies zeigt, dass wir noch vielmehr werben müssen als bisher, wenn wir uns behaupten wollen. Jeder Genosse muss unbedingt mitmachen, man kann diese Arbeit nicht allein dem Vorstand überlassen. Auch unsere Presse darf nicht vergessen werden. Ein Blick auf unsere Werbetabelle zeigt dass wir bloss 5 Abonnenten geworben haben.

Abgereist ist unser Genosse Willy Blum, Buchdrucker, der unsere Partei in der Schulpflege vertreten hat. Seine Arbeit sei ihm hier noch auf diese Weise bestens verdankt. Als Nachfolger wurde unser Genosse Ernst Frösch-Suter, Tiefdrucker, gewählt.

Am 18. Juli, an seinem 62. Geburtstage hat unser bewährte Genosse Gusti Gross, den Rücktritt als Armenpfleger auf den 31. Oktober erklärt. Unser Gusti hat in seiner langen Tätigkeit als Armenpfleger grosses geleistet. Seine liebevolle Tätigkeit für die Armen sei ihm hier recht herzlich verdankt. Leider war es ihm nicht vergönnt seine Tätigkeit bis zum Ende der Rücktrittszeit auszuüben. Ein Schlaganfall legte ihn in der zweiten Hälfte Oktober in das Bett. Glücklicherweise war dieser nicht so stark, sodass er sich den Verhältnissen entsprechend bald erholte. Es wird nicht mehr lange gehen wo er seine Tätigkeit als Gemeinderat wieder aufnehmen kann. Wir entbieten ihm heute herzlichen Gruss und vollständige Genesung. Auch unser Genosse Oskar Berger war letzten Herbst volle 10 Wochen wegen einer heimtückischen Kranheit am Fuss im Spital Zofingen. Er hat sich nun zu unserer Freude wieder ganz gut erholt und wir wollen hoffen, dass ihm die Gesundheit und der Kampfeswille erhalten bleibe.

Am Schlusse möchte ich allen Vorstandskollegen und den übrigen Genossen für ihre treue Mitarbeit recht herzlich danken und wir wollen hoffen, dass wir in dem bereits angefangenen Jahr 1948 unser Ziel: 80 Mitglieder, erreichen werden.

Zofingen, den 25 . Februar 1948

Der Berichtersatter:

sig. W. Horisberger